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Raumstation 2020
Ironischerweise hat das zu Raumstation 2020 zugehörige Lehrmaterial mehr mit Menschen zu tun, als mit dem All.
Das Leben in einer Raumstation läß sich wohl am ehesten mit dem Leben an Bord eines U-Bootes oder eines alten Segelschiffs vergleichen. Gemeinsamkeiten wären: ein künstlicher, zum Erhalt menschlichen Lebens geschaffener Lebensraum innerhalb eines Fahrzeugs, das den spezifischen Härtebedingungen der Umgebung angepaßt wurde; äußerst begrenzter Raum und die Tatsache, daß nur Gegenstände vorhanden sind, die ausschließlich der Erfüllung von Pflichten dienen. Die Insassen müssen eine Reihe von Aufgaben erfüllen, die sowohl aus Gründen der Effizienz als auch des Lebenserhaltes in koordinierter Form durchgeführt werden müssen. Um diese Koordination zu gewährleisten, muß eine klare Ordnung der Verantwortlickeiten herrschen, die Ziele der Mission müssen einhellig akzeptiert werden und es muß klar sein, daß jeder weiß, was er oder sie zu tun hat.
Außerdem ist sowohl ein Schiff als auch eine Raumstation von einer Kommunikations- und Versorgungsinfrastruktur abhängig, aber dennoch müssen beide auch in gewisser Weise autark sein, da ein direkter Kontakt zur Basis immer nur nach längeren Trennungsabständen erfolgt.
Sowohl Schiffe als auch Raumstationen sind technologiegesteuert. Im Falle des U-Bootes oder des Segelschiffs müssen beide so konstruiert sein, daß die Besatzung über längere Zeiträume hinweg am Leben erhalten werden kann. Menschen sind jedoch sehr anpassungsfähig und stellen sich auf Mängel bei der eigenen Versorgung auf einem Schiff häufig ein. Mit anderen Worten, Menschen "re-konstruieren" sich, um mit bestimmten Situationen fertig zu werden. Nach der Beschäftigung mit den offensichtlichen technischen und physischen Schwierigkeiten, werden im verbleibenden Teil psychologische Phänomene behandelt, und die Technologie tritt - nachdem aufgezeigt wurde, daß sie funktioniert - langsam in den Hintergrund.
Man muß den Schülern vermitteln, daß beim Bau der Raumstation zwei Aspekte wichtig sind: Technologie und Psychologie. Die meisten Menschen fasziniert die Technologie: Raketenstarts, Andocken von Modulen, Weltraumspaziergänge, potentielle Gefahren, der Mensch gegen das All usw. - alles sehr fesselnd. Einmal im Einsatz, entpuppt sich die Angelegenheit jedoch als eine Industrieanlage, welche die Arbeitnehmer nicht verlassen können, um nach Hause zu gehen und die zusätzlich eine "kleine" Schwierigkeit aufweist: Schwerelosigkeit. Wir müssen uns also mit den wesentlichen Problemen der menschlichen Insassen beschäftigen, seien sie nun von der Mannschaft selbst erzeugt, Begleiterscheinungen oder einfach Teil der menschlichen Natur.
Physische Probleme:
- Schädliche Auswirkungen der Mikrogravitation
- Räumliche Enge
- Technologieabhängigkeit
- Ausfall von Anlagen
- Abfallentsorgung
- Krankheitsfall
- Verletzungs- oder Todesfall
Psychische Probleme:
- Langeweile
- Fehlende Intimsphäre
- Heimweh
- Zwischenmenschliche Beziehungen:
- Gruppendynamik
- Berufliche Konkurrenz
- Respekt vor anderen
- Durch die fragilen Strukturen und die feindselige Umgebung ausgelöste Angstgefühle
- Mangel an Sinneseindrücken
- Überarbeitung
Der wesentliche Unterschied zwischen einem Schiff und einer Raumstation ist: Auf dem Schiff herrscht im Gegensatz zur Station eine klare Hierarchie unter den Offizieren und Rängen mit einer eindeutigen Befehlsordnung. Die kleine Gruppe der Insassen einer Raumstation besteht aus hochqualifizierten Individuen, deren Charakter mit solch traditionellen Strukturen möglicherweise schwer zu vereinbaren ist. Schließlich kostet es eine Menge Geld jemand in eine Raumstation zu entsenden. Wer es bis dahin geschafft hat, weiß, daß er besser war als andere. Bei solch motivierten und qualifizierten Individuen ist die gemeinsame Ausbildung von fundamentaler Bedeutung. Gleichzeitig ist es ebenfalls wichtig, sich bei jeder aufgebauten Beziehung eine gewisse Frische zu erhalten, indem man nicht übermäßig viel Zeit zusammen verbringt - schon damit einem die Witze nicht ausgehen!
Befragen Sie die Schüler nach ihren eigenen Beziehungen zu Freunden und Mitschülern, denen sie ja jederzeit aus dem Weg gehen können - etwas, was den Insassen einer Raumstation nicht möglich ist.
Viel gemeinsam verbrachte Zeit
In seinem Buch "The Case for Mars" erklärt Robert Zubrin, eine bemannte Mission zum Mars wäre mit den Strukturen der Aufgabenverteilung à la "Star Trek" nicht durchführbar. Er plädiert vielmehr für eine Gruppe von vielseitigen Individuen, die über ein breites Wissen verfügen und äußerst flexibel sind. Da es Leute gibt, die behaupten, der einzig wahre Grund für die zur Zeit in der Entwicklung befindlichen Internationalen Raumstation bestehe in der Vorbereitung einer solchen Mission, sollten wir gleich mit einem solchen Ansatz an die Angelegenheit herangehen.
Die Erfahrungen in der Raumstation Mir sind sehr lehrreich. Um Konflikte zu vermeiden, versuchten die Kosmonauten Meinungsverschiedenheiten auszuweichen, indem sie den eigenen Grad an Emotionalität zu senken versuchten, so daß sie weniger "fühlten", da man weder jemand aus dem Weg gehen konnte, der einen beleidigt hatte noch jemand, den man selber beleidigt hatte. Dieses Verhalten hat bei der Rückkehr auf die Erde häufig zu Eheproblemen geführt. Gibt es ein zeitliches Limit, das man beim Ablösungsturnus der Mannschaft beachten sollte?
Verbindung mit zu Hause
Im Innern des Skylabs wurden alle atmosphärischen Bedingungen, die das Überleben der Astronauten sicherstellte, nachempfunden. Die kleinen Dinge des Lebens, vor allem Gerüche und Düfte, hatte man jedoch nicht genug bedacht. Vor einer EVA benutzten die Astronauten ein feuchtes Tuch mit Zitronenduft, um ihr Visier von innen zu reinigen. Die Entbehrung so vieler Gerüche führte dazu, daß es zu einer Art Ritual wurde, diese Tücher herumzureichen, damit jeder daran riechen konnte und mittels des Geruchs mit der Erde in Verbindung bleiben konnte. Die NASA hatte ihren Speiseplan sorgfältig ausgearbeitet, aber die Astronauten hielten sich nicht lange daran, sondern bewahrten sich besonders beliebte Nahrungsmittel wie Butterkekse auf, um diese als besonderen Anreiz für Arbeiten zu verwenden, die keiner gerne verrichtete.
Sonstige Aspekte, die als Leitfaden für weitere Fragestellungen dienen, sind: psychologische Effekte von Farben - warm versus kalt, beruhigend versus anregend (dies könnte man bis hin zu Aspekten der Farbgebung auf Wahlplakaten ausweiten) - und deren Bedeutung am Arbeitsplatz; individuell gestaltete Raumanzüge; Gestaltung des Speiseplans in Bezug auf Nahrhaftigkeit und als Mittel der Verbindung zur Erde; die Bedeutung handschriftlicher Briefe.
In den einzelnen Modulen werden die für ihren jeweiligen Bereich charakteristischen psychologischen und technologischen Aspekte der Raumstation behandelt. Wir beschäftigen uns mit den technischen und zuvor genannten menschlichen Faktoren. Beide bilden die Grundlage für viele inspirierende Aktivitäten.
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